Ein Märchen
 

Zarewna Graue Ente

   Es lebten einmal ein Zar und seine Zarin, die hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Dmitrij und die Tochter Marja. Ammen und Wärterinnen hatten für die Zarentochter zu sorgen, aber keine von ihnen konnte sie in den Schlaf wiegen. Nur ihr Bruder konnte es: er stellte sich an  ihr Bettchen und sang: "Baju - baju, Schwesterchen! Baju - baju, mein Liebes! Wenn du groß bist, werde ich dich Iwan Zarewitsch zur Frau geben." Dann schloss sie ihre Äuglein und schlief ein.
   So vergingen viele Jahre, da machte sich Dmitrij Zarewitsch auf den Weg und besuchte Iwan Zarewitsch. Drei Monate blieb er bei ihm - sie spielten viele Spiele und hatten viel Kurzweil miteinander. Dann wollte Dmitrij wieder nach Hause reiten und lud Iwan Zarewitsch zu sich ein. Der nahm gerne an: "Gut, ich werde kommen!" Der Zarensohn kehrte nach Hause zurück, nahm ein Bildnis von seiner Schwester und hängte es über seinem Bett auf: die Zarentochter war so schön, dass man kein Auge von ihrem Bild wenden konnte!
    Unverhofft und unerwartet kam Iwan Zarewitsch zu Dmitrij geritten und trat in das Zimmer, in dem Dmitrij lag und fest schlief. Iwan Zarewitsch sah das Bildnis der Zarentochter Marja - auf der Stelle verliebte er sich in sie, riss das Schwert aus der Scheide und erhob es über ihrem Bruder. Aber Gott ließ solche Sünde nicht zu. Dmitrij Zarewitsch wachte auf wie von einem Stoß und fragte: "Was willst du da tun?" - "Ich will dich töten!" - "Aber warum, Iwan Zarewitsch?" - "Das ist doch deine Braut?" - "Nein, das ist meine Schwester, Marja Zarewna." - "Ach, weshalb hast du mir nie von ihr erzählt? Jetzt kann ich nicht mehr ohne sie leben!" - "Da weiß ich Rat: Heirate meine Schwester, und wir werden Brüder." Iwan Zarewitsch fiel Dmitrij Zarewitsch um den Hals. Sie wurden bald einig und gaben sich die Hand darauf.
   Iwan Zarewitsch ritt nach Hause - die Hochzeit sollte vorbereitet werden, und Dmitrij Zarewitsch rüstete sich mit seiner Schwester zu einer Reise - sie wollten den Bräutigam besuchen. Sie reisten in zwei Schiffen: in dem einen der Bruder, in dem anderen die Schwester, begleitet von einer Amme und deren Tochter. Als die Schiffe mitten auf dem blauen Meer waren, sagte die Amme zu Marja Zarewna: "Leg dein kostbares Gewand ab und ruhe auf dem Federbett aus!" Die Zarewna legte ihr kostbares Gewand ab und streckte sich auf dem Federbett aus - da gab ihr die Amme einen leichten Schlag auf ihren weißen Leib, und sie wurde zu einer grauen Ente, schlug mit den Flügeln und flog von dem Schiff hinab über das blaue Meer. Die Amme aber legte ihrer Tochter das prächtige Gewand an, dann setzten sich beide hin und taten groß.
   Endlich kamen sie in das Land von Iwan Zarewitsch. Sogleich kam dieser ihnen entgegengelaufen und brachte das Bildnis Marjas mit: da sah er, dass seine Braut bei weitem anders aussah als ihr Bildnis! Das verübelte er Dmitrij Zarewitsch und befahl, ihn sogleich in den Kerker zu werfen und ihm täglich nicht mehr als ein Stück Schwarzbrot und einen Becher Wasser zu reichen. Rund um den Kerker aber stellte er viele Wachen auf und befahl ihnen strengstens, ja niemanden zu dem Gefangenen hineinzulassen.
   Als die Mitternacht nahte, stieg die graue Ente über dem Meer auf und flog zu ihrem lieben Bruder - da wurde es über dem ganzen Land taghell: bei jedem Flügelschlag sprühte sie Funken! Sie kam zu dem Kerker geflogen, geradewegs auf das Fenster zu, ließ ihre Flügelchen an einem Nagel und ging zu ihrem Bruder hinein: "Dmitrij Zarewitsch, lieber Bruder! Es ist dir sicher zuwider im Kerker zu sitzen bei einem Becher Wasser und einem Stück Brot; aber mir, lieber Bruder, ist es noch mehr zuwider, auf dem blauen Meer zu schwimmen. Die böse Amme hat uns beide ins Unglück gestürzt, sie hieß mich mein kostbares Gewand ablegen, um ihre Tochter damit zu schmücken." Bis zum Beginn der Morgenröte weinten und wehklagten Bruder und Schwester miteinander, dann flog die Ente wieder auf das blaue Meer hinaus. Man meldete Iwan Zarewitsch: "So und so war es - eine graue Ente kam geflogen, sie war bei dem Gefangenen im Kerker und ließ dabei unser ganzes Land in Licht erstrahlen." Iwan befahl, ihn sogleich zu wecken, sobald die Ente wiederkäme.
   Und wieder ging es auf Mitternacht zu, da wogte das Meer hoch auf, die graue Ente hob sich von dem Wasser, sie flog - sie flog und das ganze Land leuchtete auf. Sie schlug mit den Flügelchen, und es war, als versprühte sie Feuerfunken. Sofort liefen Boten zu Iwan Zarewitsch und weckten ihn. Die Ente aber flog zu dem Kerker, legte ihre Flügelchen auf das Fensterbrett und ging zu ihrem Bruder. Iwan kam zu dem Gefängnis gelaufen und sah die Flügelchen auf dem Fensterbrett; er nahm sie an sich und befahl, sie ins Feuer zu werfen, dann legte er das Ohr an die Tür und lauschte. "Mein lieber Bruder", hörte er Marja sagen, "lieber Bruder, es ist dir zuwider, im Kerker zu sitzen, bei einem Becher Wasser und einem Stück Brot; aber mir, lieber Bruder, ist es noch mehr zuwider, auf dem blauen Meer zu schwimmen. Die böse Amme hat uns beide ins Unglück gestürzt, sie hieß mich mein kostbares Gewand ablegen, um ihre Tochter damit zu schmücken.....Ach, lieber Bruder, es riecht hier so brenzlig!" - "Nein, Schwesterchen, ich rieche nichts."
   Iwan Zarewitsch riss die Tür auf und kam herein - Marja Zarewna stürzte zum Fenster und sah: die Flügelchen waren schon zur Hälfte verbrannt. Gleich fasste Iwan Zarewitsch sie an ihren weißen Händen, da verwandelte sie sich in eine Schlange, dann in allerlei Gewürm. Iwan Zarewitsch zeigte keine Furcht, er ließ ihre Hände nicht los.......Dann verwandelte sie sich in eine Spindel, der Zarewitsch brach die Spindel entzwei, warf das eine Ende vor sich, das andere hinter sich und sprach: "Schöne Jungfrau,steh vor mir, weiße Birke, hinter mir." Und schon wuchs hinter ihm eine weiße Birke und vor ihm stand Marja Zarewna in ihrer ganzen Schönheit. Der Zarewitsch bat um Vergebung. Dmitrij Zarewitsch verzieh ihm, sie versöhnten sich und gingen zusammen in den Palast.
   Schon am nächsten Tag wurde Hochzeit gehalten, Iwan Zarewitsch vermählte sich mit Marja Zarewna und alle Hochzeitsgäste haben lange getafelt, gefeiert und es sich wohl sein lassen. Die Amme aber wurde samt ihrer Tochter an einen Ort geschickt, von dem es keine Wiederkehr gibt.

Aus:  A.N.Afanasjew, Russische Volksmärchen     übertragen von Swetlana Geier                 Vlg.  Artemis u. Winkler,   München 1996